Adventskalender

Türchen 10: Fabienne Siegmund

Herzlich Willkommen zu Türchen 10 des Indie-Bücher Adventskalenders.
Jeden Tag bekommt ihr einen weihnachtlichen oder winterlichen Textauszug aus einem Indie-Buch. Darüber hinaus könnt ihr jeden Tag etwas gewinnen.

Der Roman Namiria von Fabienne Siegmund nimmt euch auf eine fantastische Reise mit. Hier könnt ihr einen kleinen Auszug aus dem Buch lesen.

Namiria Die vier Schwestern trafen sich in einer Höhle. Es war eine Nacht, in der alle Sterne vergessen hatten, zu leuchten. Kein Mond wachte über die Welt, kein Stern wies Wanderern einen Weg durch das zerklüftete Gebirge, in dem die Höhle versteckt lag. Die Luft roch nach Blut, und die Stille der Berge konnte die Schreie nicht übertönen, die der Wind mit sich brachte. Die erste Schwester brachte den Wind mit, säuselnd und tänzelnd, die zweite das Eis, glänzend und klirrend. Die dritte trug die Kälte bei sich, beißend und ohne Gnade und die vierte hielt eine Blume aus Licht in Händen, deren Schein die Nacht kaum mehr zu erhellen vermochte. Sie alle hatten helles Haar, zu unterscheiden nur in den vielen Nuancen, die Weiß haben konnte. Das Haar der ersten, die Sunja hieß, leuchtete ein wenig golden, wie Sonnenstrahlen, die sich auf Schnee brachen. Das der zweiten, die man Brynna nannte, war von der schillernden Farbe des Eises durchzogen. Renia, die dritte, hatte Haar wie das Leuchten in klaren Bergseen, und im Haar der vierten schienen abertausende Diamanten zu glitzern. Die Haut der vier Frauen war blass und ihre Lippen nicht mehr als schmale Striche. In ihren Augen, die alle blau wie die dunkelste Stunde der Nacht waren, glitzerten Sterne. Es gab kein Weiß in ihnen, nur Finsternis und Sternenschimmern. Aus allen vier Himmelsrichtungen waren sie gekommen. Sunja aus Osten, Renia aus Westen, Brynna hatte den Weg von Norden gefunden und Falina von Süden. Nicht eine von ihnen hatte Spuren auf ihrer Reise hinterlassen, nicht eine tat es jetzt. Ihre Füße, nackt und ungeschützt, schwebten einige Zentimeter über dem Boden und der Schnee umwirbelte sie, als wolle er sie einkleiden, obwohl sie doch Kleider trugen – Sunja eins aus dem Licht der Sonne, Renia aus dem des Mondes, Brynnas Kleid war aus dem Funkeln der Sterne gewebt und Falina, die zierlichste von ihnen, trug über ihrem Kleid einen Umhang aus dem Pelz von allerlei Tieren, rotes Eichhörnchen neben braunem Kaninchen, helles Luchsfell neben der Haut grauer Mäuse. »Es ist soweit«, begann Sunja das Gespräch, weil dies ihr als nunmehr Älteste oblag. »Das Kind ist geboren.« Ihre drei Schwestern schwiegen, aber in den Augen Brynnas und Renias tanzte der kleine Funke Hoffnung, der ihnen diese Zeichen gebracht hatte. Nur Falina ließ ein leises Schluchzen vernehmen, weil die Geburt des Kindes unweigerlich mit dem Schmerz des Verlustes einherging. Sie alle betrachteten den Säugling, der vor ihnen in einem Nest aus Schneeflocken und Daunen lag, das von jenem Wind getragen wurde, der Sunja begleitet hatte. Es war ein Mädchen, das dort schlief. Nur Renias Augen flackerten nach einer Weile in der Dunkelheit der Höhle, in deren Schatten ein lebloser Frauenkörper lag, dünn und ausgezehrt, kaum mehr als der schwere schwarze Mantel, der ihn umhüllte. »Das ist sie also«, sagte Sunja und Brynna nickte. Renia fuhr herum. »Sie ist klein«, stellte sie fest. »Das sind sie am Anfang doch alle«, meinte Falina. Die Stimmen der Schwestern hatten den Klang von Frost und klirrendem Eis. »Das Leben ist ein Wintersturm«, warf Renia ein, die schon immer die schwarzseherischste von allen gewesen war, »und nicht jeder hat die Kraft, mit dem Wind zum Tanzen.« Die drei anderen erwiderten nichts. Auch ihre Blicke ruhten nun auf der toten Frau, deren letzter Herzschlag ihnen das Neugeborene übergeben hatte. »Wird sie es schaffen?« Brynna stellte schließlich die Frage, die allen durch den Kopf ging. »Das kann man nicht sagen. Aber sie ist alles, was wir haben«, war Sunjas Antwort. »Der Weg ist lang und schwer. Das Zepter ist zersprungen«, gab Renia zu bedenken. »Und wir können nichts tun«, fügte Brynna hinzu. »Unsere Zeit ist vergangen, sie ist es schon lange. Die Königin ist tot. Genau wie Istani. Unsere Kraft schwindet.« Die Dritte schnaubte. »Allein wir tragen Schuld an dem, was geschah.« Keine der anderen achtete auf ihre Worte, die sich schwer auf ihre Schultern legten. Sie alle betrachteten die schwach glimmende Lichtblume in Falinas Händen. Beinahe warnend flackerte sie auf. »Wir müssen tun, was uns möglich ist«, warf die Jüngste ein. Die vier Frauen verfielen ein weiteres Mal in Schweigen. Der Wind hüllte sie in eine Säule aus Schnee ein, die sich nach und nach immer dunkler färbte. Flocke um Flocke wurde aus Weiß leuchtendes Rot, dann aschenes Grau, schließlich schwarz. Die Lichtblume in Falinas Händen flackerte erneut, das Glimmen wurde schwächer. »Wir müssen es versuchen. Selbst, wenn es vergebens sein sollte.« Sunjas Augen ruhten auf den vielen Schneeflocken. Das Weiß wurde stetig weniger. »Wir haben nicht viel Zeit.« Sie wandte sich an Brynna. »Wenn selbst deine Flocken sich schwarz färben, endet alle Hoffnung.« Die Angesprochene hob die Hand und berührte die Schneeflocken. Mit einem erstickten Ausruf des Schmerzes ließ sie sie wieder sinken. Die drei anderen besahen sich die Flocken, die um sie tanzten und wirbelten. Viele waren schon dunkler als die Dunkelheit in ihren Augen, und die weißen wurden immer weniger.
➥ Aus Namiria) von Fabienne Siegmund

Gewinn

Ein signiertes Taschenbuch von Namiria.

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Cathy
22 Kommentare
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Martina
Martina
1 Jahr zuvor

Die Leseprobe und das Cover gefallen mir als Fantasyfan. Ich würde es gerne lesen und mich freuen.

Elke B
Elke B
1 Jahr zuvor

Das spricht mich sehr an

Allie
Allie
1 Jahr zuvor

Wie spannend!
Ich mag das Mystische, das diese Textstelle umgibt und sich durch den Auszug zieht. Die vier Schwestern gefallen mir in ihrer Interaktion gut und ich bin natürlich gespannt, warum ihre Schneeflocken dunkler werden und was das Ganze mit dem Säugling zu tun hat.
Ich hüpfe folglich gerne in den Lostopf!

Ines Carstensen
Ines Carstensen
1 Jahr zuvor

Das hört sich sehr interessant und phantasievoll an. Bereitmachen zum Abtauchen in eine andere Welt!

Lars
Lars
1 Jahr zuvor

Hat mir sehr gefallen. Ich würde mich sehr über das Buch freuen.

LG

Steffi
Steffi
1 Jahr zuvor

Wow, was für ein spannender Auszug! 😀
Sehr gut geschrieben und macht Lust auf mehr. Das Setting in dieser Probe finde ich auch toll. Ich würde gern die ganze Geschichte lesen.

Petra B.
Petra B.
1 Jahr zuvor

Auf Weihnachten warten mit all der Hoffnung auf eine gerechtere Welt, heisst, wach werden und seinen eigenen Standpunkt und den eingeschlagen Weg durchleuchten.
Auf Weihnachten warten, heisst, sich Zeit nehmen für sich und der Frage, stimmt die Richtung noch.
(© M.B. Hermann)

Jennifer Schmitt
Jennifer Schmitt
1 Jahr zuvor

Hört sich gut an, würde mich über den Gewinn sehr freuen

Claudia
Claudia
1 Jahr zuvor

perfekt für kalte Wintertage auf der Couch

Sascha S.
Sascha S.
1 Jahr zuvor

Vielen dank für diese Chance, würde mich sehr freuen 🙂

Elke
Elke
1 Jahr zuvor

Gefällt mir sehr gut.

Justin
Justin
1 Jahr zuvor

Hört sich sehr interessant an!

Jan K.
Jan K.
1 Jahr zuvor

Gefällt mir

Claudi
Claudi
1 Jahr zuvor

Oh, der Text klingt wundervoll, und genau danach, was ich gerne lese und brauche, nämlich eine fantastische Welt, in die man sich einfühlen kann, und dazu noch Schnee und eine winterliche Landschaft. Gerne würde ich hier mein Glück probieren.

Kami
Kami
1 Jahr zuvor

ich versuche gerne mein glück 🙂

Margaret
Margaret
1 Jahr zuvor

Das sieht so schön winterlich aus und klingt nach einer Geschichte, in die man perfekt abtauchen kann um ein bisschen winterliche Stimmung abzubekommen, wenn man schon keinen Schnee draußen hat. Da ist das Buch ein guter Ersatz 🙂

Elke H.
Elke H.
1 Jahr zuvor

Das Buch würde ich sehr gern lesen.

Daniela S
Daniela S
1 Jahr zuvor

Hört sich richtig klasse an

Yvonne Kretzer
Yvonne Kretzer
1 Jahr zuvor

Sehr schönes

Yvonne Kretzer
Yvonne Kretzer
1 Jahr zuvor

Sehr interessant, würde mich freuen

Tami
Tami
1 Jahr zuvor

Die Leseprobe hört sich toll an. Man fühlt sich direkt in eine andere Welt versetzt voller Magie und Fantasie. 4 mystische Schwestern, die Schuld auf sich geladen haben, aber für eine bessere Zukunft alles geben. Die Andeutungen lassen einen neugierigwerden 🙂

Sabrina
Sabrina
1 Jahr zuvor

Das hört sich nach einem tollen Buch an.

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