Adventskalender

Türchen 20: J. Vellguth

Herzlich Willkommen zu Türchen 20 des Indie-Bücher Adventskalenders.
Jeden Tag bekommt ihr einen weihnachtlichen oder winterlichen Textauszug aus einem Indie-Buch. Darüber hinaus könnt ihr jeden Tag etwas gewinnen.

Die Autorin J. Vellguth veröffentlicht schon seit einigen Jahren sehr erfolgreich Bücher. Umso schöner, dass auch sie ein weihnachtliches Buch im Repertoire hat, aus dem sie hier einen Auszug präsentiert.

Die schönste Zeit des Jahres Ihr Atem malte einen feinen Nebelfilm auf die kalte Scheibe des Greyhound Busses. Der Sitz war hart, die Luft warm und muffig. Zoe starrte aus dem Fenster und beobachtete die Menschen draußen auf der Straße.
Dicke, weiße Flocken wirbelten durch den nachtblauen Morgen, folgten der Menge durch die Einkaufspassagen, glühten im orangenen Licht der Schaufenster, hefteten sich an den flauschigen Kunstpelz von hochmodernen Mänteln oder schmolzen auf dem nassglänzenden Rußgrau des Betons.
All diese Menschen steckten gerade mitten in ihrer eigenen kleinen Welt, in der es vermutlich keine größeren Probleme gab, als die Frage Welche Krawatte schenke ich meinem Vater oder Wie viel Geld habe ich noch übrig für das Armband meiner Geliebten.
Was für eine verkehrte Welt.
Die meisten von ihnen waren sich wahrscheinlich nicht einmal darüber bewusst, was dieses Ding, das sie Weihnachten nannten, wirklich war. Nämlich ein schwarzes, gieriges, Gift versprühendes Monster, das jeden zu verschlingen drohte, der es wagte, seinem hungrigen Rachen auch nur zu nahe zu kommen.
Sie schnaubte und der matte Fleck auf der Scheibe vergrößerte sich – verschluckte die Stadt dahinter.
Jetzt konnte sie nichts mehr erkennen. Aber das brauchte sie auch nicht.
Weihnachten in der Stadt war immer das Gleiche.
Blechern schepperten Weihnachtslieder durch die Kaufhäuser, quietschrot schrien Sonderangebote in allen Schaufenstern, rostbraun klapperten Blechbüchsen von Wohltätigkeitsvereinen und riefen zu Spenden auf, um dann der Geliebten noch zwei oder drei weitere Diamanten auf dem Armband zu spendieren.
Zu allem Überfluss stand Santa Claus mit Zipfelmütze und brauner Papiertüte in der Hand an jeder Straßenecke und wünschteHohoho, Fröhliche Weihnachten.
Sie presste die Lippen aufeinander.
Von wegen!
Energisch knuffte sie die rotbraune Jacke unter ihrem Kopf zusammen, um vielleicht ein bisschen Schlaf zu bekommen, während der Greyhound Bus sich im Schneckentempo durch den gigantischen Verkehrsknoten schob und versuchte, New York City hinter sich zu lassen.
»Ma, wann sind wir endlich da?«, hörte sie das Mädchen auf dem Sitz vor ihr fragen.
»Wir sind doch gerade erst losgefahren, Schatz«, antwortete die Mutter.
Eine Stunde lang quälten sie sich bereits durch die Innenstadt. Vorbei an blinkenden Lichtern, Leuchtreklamen und singenden Tannenbäumen in den Schaufenstern.
Als ob das Schicksal sie darauf vorbereiten wollte, wie endlos und ermüdend die nächsten Tage für sie werden würden.
Dabei schien die Aussicht auf ein streitreiches Familienchaos ausnahmsweise wesentlich erträglicher als alles, was sie hier in der Stadt erwartete.
Zoe versuchte, nicht an die letzten Tage zu denken, seufzte und schloss die Augen.
Aber die Ruhe hielt nur wenige Sekunden.
»Ist das ein Engel?«, fragte eine helle Stimme.
Zoe blinzelte und entdeckte das Mädchen auf dem Sitz vor ihr, die ihr blondes Haar in zwei lange Zöpfe geflochten hatte, an deren Enden kleine weiße Bommel saßen.
»Schatz, lass doch die arme Frau in Ruhe«, kam es von der Mutter.
Aber das Mädchen sah neugierig auf den Anhänger an Zoes Schlüsselbund, der ihr halb aus der Jackentasche gerutscht war.
»Nein, das ist eine Weihnachtselfe«, sagte Zoe, hielt dem Mädchen den Anhänger entgegen und probierte es mit einem kleinen Lächeln. Doch das wollte nicht so richtig klappen.
Kein Wunder.
»Stimmt, die hat spitze Kringel an den Schuhen und eine Weihnachtsmütze auf. Sie ist wirklich hübsch. Wo hast du die her?«
»Vom Weihnachtsmann«, sagte Zoe automatisch, aber ihre Stimme klang heiser. Denn normalerweise kam jetzt die Geschichte, dass sie die bekommen hatte, weil sie für den Mann in Rot die Wunschzettel von kleinen Mädchen und Jungen beantwortete. Falsch wäre das nicht gewesen.
Ihre Brust krampfte sich zusammen.
Normalerweise.
Die Wohltätigkeitsorganisation, für die sie in ihrer Freizeit arbeitete, verteilte tatsächlich Weihnachtsgeschenke an die ärmsten Kinder von New York.
Aber seit ein paar Tagen existierte sie nur noch auf dem Papier und das war ihre eigene Schuld. Allein bei dem Gedanken schnürte sich Zoes Hals zu und ihr Herz schrumpfte auf die Größe einer Walnuss zusammen.
»Sie ist wunderhübsch.« Die Augen des Mädchens leuchteten vor Glück, während sie die glitzernde Elfe in ihren Fingern drehte und Zoes Brust füllte sich ganz langsam mit Zement.
»Möchtest du sie haben?«, fragte Zoe und dabei wurde ihr ein bisschen leichter. Der Kleinen schien die Elfe zu gefallen und für sie selbst war zu viel schmerzliche Erinnerung mit diesem kleinen Ding verbunden.
»Oh, das kann ich nicht annehmen«, sagte das Mädchen mit großen Augen.
»Ehrlich, du darfst sie gern behalten.« Umso schöner, wenn sie noch jemanden damit glücklich machen konnte.
Das Mädchen warf ihrer Mutter einen prüfenden Blick zu, aber die schüttelte den Kopf.
Mit ehrlichem Bedauern gab das Mädchen den Elfenanhänger zurück, schaffte aber trotzdem ein tapferes Lächeln. »Nein, Danke.« Dann begann sie sofort wieder zu strahlen. »Aber ich werde dem Weihnachtsmann erzählen, dass ich dich getroffen habe. Der freut sich bestimmt. Mein Dad hat gesagt, wir sehen ihn vielleicht. Bei all dem Schnee oben in Vermont kann er gut mit seinem Schlitten zu uns durchkommen, weißt du«, sagte die Kleine. Doch sie ließ ihr keine Zeit zu antworten. »Ich schlafe dann meistens schon, aber wenn er zu uns kommt, bleibt er immer ein bisschen. Meine Ma backt nämlich Kekse für ihn, stimmt doch, Ma?« Auch die kam zu keiner Antwort. »Backst du ihm auch Kekse?«
»Nein.« Früher, als ihre Gran noch lebte, war das Tradition gewesen. Kekse und ein Glas Milch für den Weihnachtsmann. Die Erinnerung an ihre Gran ließ den Zement in ihrer Brust langsam hart werden.
»Oh, das musst du aber, schließlich ist er ja erschöpft von der vielen Arbeit. Und sonst kommt er nächstes Jahr vielleicht nicht wieder.« Sie strich nachdenklich ihren Zopf nach hinten. »Wenn du brav bist, natürlich schon, aber ich stell mir vor, dass er viel lieber kommt, wenn er Plätzchen kriegen kann.« Sie nickte bestimmt.
»Ich werde es mir merken.« Zoe versuchte ein Lächeln. Sie gab sich ehrlich Mühe, freundlich zu sein, denn die Kleine war wirklich lieb. Nur leider war ihr immer noch zum Heulen zumute. Der silberne Schlüsselanhänger brannte mittlerweile in ihren Fingern und sie schob ihn in die Hosentasche, um ihn nicht länger ansehen zu müssen.
»Mein Dad sagt, er hat mit ihm gesprochen, damit ich dieses Jahr ein richtiges Puppenhaus bekomme, eins mit Küche und einem Kinderzimmer und einem Garten. Weil ich ja so lange im Krankenhaus gewesen bin …«
Ihre Mutter zischte etwas herüber, das Zoe nicht verstehen konnte.
»Was denn, Ma? Das hat er doch gesagt.«
Noch ein Zischen.
»Ja, Ma.« Das Mädchen lächelte Zoe entschuldigend zu, drehte sich wieder herum und setzte sich auf ihren Sitz.
Es tat Zoe leid, dass die Kleine wegen ihr Ärger bekommen hatte. Und dieses braune Unwohlsein mischte sich in die ohnehin schon trübgraue Stimmung, die sie begleitete seit …
Auf jeden Fall fing das alles hervorragend an.
Sie atmete ein, hielt die Luft an, atmete wieder aus, hielt die Luft an und wieder von vorne.
Das half ein wenig.
Zoe hatte gehofft, dass die Tage bei ihren Eltern ihr ein bisschen Zeit gaben, um Abstand von ihrem Leben zu gewinnen. Wenigstens ein kurzes Vergessen, bevor sie sich im neuen Jahr den Konsequenzen stellen musste.
Stattdessen wurde sie an jeder Straßenecke mit dem Gesicht in ihren Fehltritt hineingedrückt und alle naselang darauf hingewiesen.
Entschieden drückte sie ihren Kopf in die zusammengeknautschte Jacke und beschloss, nicht weiter über die Wohltätigkeitsorganisation oder Betrug oder Männer in roten Anzügen nachzudenken, bis dieser ganze Weihnachtswahnsinn vorbei war.
Das musste doch irgendwie möglich sein.
Der Nebelfilm auf der Scheibe hatte sich wieder aufgelöst und ihr Blick schweifte über die hastende Menge. Ein pausbäckiger Kerl mit Weihnachtsmütze lachte von einem riesigen Plakat auf sie herab und wünschte Hohoho! Fröhliche Weihnachten.
Zoe schnalzte mit der Zunge und schloss die Augen.
➥ Aus Die schönste Zeit des Jahres von J. Vellguth

Gewinn

Ein Exemplar von Die schönste Zeit des Jahres.

Für die Möglichkeit auf den Gewinn hinterlasse einen Kommentar unter diesem Beitrag. Die Kommentarfunktion ist ca. 24 Stunden freigeschaltet. Alle Kommentierenden landen im Lostopf aus denen der jewilige Autor oder die jeweilige Autorin des Tages den oder die Gewinner:in zieht. Mit der Teilnahme am Gewinnspiel erklärst du dich einverstanden, dass ich für die Gewinnabwicklung deine Mailadresse an den oder die jeweilige:n Autor:in weitergebe. Für die Teilnahme musst du wenigstens vierzehn Jahre alt sein und im Raum D/A/CH wohnen. Die ausführlichen Teilnahmebedingungen findest du hier.

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23 Kommentare
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Justin
Justin
11 Monate zuvor

Weihnachten ist einfach schön!

Margaret
Margaret
11 Monate zuvor

Eine sehr nachdenkliche Geschichte, die dennoch stimmungsvoll wirkt. Außerdem mag ich die Art wie alles beschrieben wird. Da kann man sich direkt alles wie in einem Film vorstellen und hat alles sehr lebendig vor Augen. Und ich glaube es ist einer dieser Geschichten, die man perfekt über ein paar freie Tage lesen und abtauchen kann und die ein gutes Gefühl hinterlässt. Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt auf das Buch.

Sascha S.
Sascha S.
11 Monate zuvor

Vielen dank für diese Chance, würde mich sehr freuen 🙂

Maria Zeidler
Maria Zeidler
11 Monate zuvor

Neuer Lesestoff wäre gut 😉

Steffi
Steffi
11 Monate zuvor

Ein sehr interessanter Auszug. Es wirkt ein wenig traurig und erinnert an ein Drama. Ich liebe es jetzt schon! 🙂 Wunderbar geschrieben. Ichbbin sehr neugierig auf das Buch.

Claudia
Claudia
11 Monate zuvor

was richtig schönes für die Weihnachtszeit

Nicole Kirchenwitz
Nicole Kirchenwitz
11 Monate zuvor

Ich liebe diese Zeit auch sehr, nur dieses Jahr mag die Stimmung nicht so ganz kommen… Liegt sicher an Corona und den ganzen einschränkungen.

Petra B.
Petra B.
11 Monate zuvor

Ich wünsche allen einen besinnlichen vierten Advent.
 
Advent
Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt
und manche Tanne ahnt wie balde
sie fromm und lichterheilig wird.
Und lauscht hinaus: den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin – bereit
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.
(Rainer Maria Rilke)

Ines
Ines
11 Monate zuvor

Über so ein schönes Weihnachtsbuch würde ich mich sehr freuen!

Josy
Josy
11 Monate zuvor

Ein schönes Buch. Habe schon mehrere Bücher von J. Vellguth gelesen, immer gut.

Kami
Kami
11 Monate zuvor

ich versuche gerne mein glück

Claudi
Claudi
11 Monate zuvor

Ich liebe ja Weihnachten, und finde es richtig schön, zu dieser Zeit des Jahres Geschichten zu lesen, die genau diese Zeit beschreiben. In diesem Jahr , wo uns so viel fehlt, ist das noch wichtiger. Und diese Geschichte fand ich nun wirklich sehr schön, weil sie eine besondere Atmosphäre geschaffen hat. Da versuche ich mein Glück mal. Allen einen schönen 4. Advent 🙂

Anja Thürling
Anja Thürling
11 Monate zuvor

Weihnachten kann kommen!

Anita
Anita
11 Monate zuvor

Einen schönen 4. Adventabend wünsche ich.

Hilly
Hilly
11 Monate zuvor

Oh, ja, mit dem Buch liebäugle ich schon, denn das ist die perfekte Weihnachtslektüre für ein ruhige Lesenachmittage jetzt Ende Dezember…. 😘

Lars
Lars
11 Monate zuvor

Das Buch würde ich sehr gerne lesen.

LG

Deborah Rosar
11 Monate zuvor

Das klingt toll. Ich würde es sehr gerne lesen. Vielen lieben Dank für das Gewinnspiel!

Daniela S
Daniela S
11 Monate zuvor

Was für ein schönes Buch, würde ich gerne lesen.

Marc E
Marc E
11 Monate zuvor

Hört sich richtig klasse an und würde ich daher gerne lesen.

Elke Jahn
Elke Jahn
11 Monate zuvor

neues Lesefutter wäre sehr Willkommen

Yvonne Kretzer
Yvonne Kretzer
11 Monate zuvor

Die schönste Zeit des Jahres gehört den Büchern

Sabrina
Sabrina
11 Monate zuvor

Der Titel passt perfekt.

Elke
Elke
11 Monate zuvor

Hört sich sehr interessant an.

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